Die seligen Jahre der Züchtigung
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«Ich suchte die Einsamkeit und vielleicht das Absolute. Aber ich war neidisch auf die Welt. Es war eines Tages während des Mittagessens. (…) Ein Mädchen erschien, eine Neue.»
Grosse Emotionen eines Teenagers, beiläufig erzählt.
«Sie war wirklich hübsch, anziehend, ich hatte eine Sklavin verloren, ohne etwas von ihr gehabt zu haben.»
Die Ich-Erzählerin ignoriert den «Liebesbrief» einer jüngeren Mitschülerin, weil sie sich ausschliesslich auf Frédérique konzentriert.
«Ästhetisch war ihre Verachtung für alles.»
Die Ich-Erzählerin lernt ein neues Wort von Frédérique.
«Ich verschob jeden ernsthaften Gedanken auf meinen Eintritt in die Welt, ich spielte auf Zeit.»
Die Ich-Erzählerin folgt den Gedanken von Frédérique nicht, sie spielt nicht mit, sie verharrt in einer Art Limbus. Irgendwann fängt das Leben an, aber noch nicht gleich, noch nicht jetzt. Ist sie (und nicht Frédérique) die wahre Nihilistin?
Ordnung als Taktik
Frédérique nutzt die Ordnung, um Distanz zu halten. Sie verbirgt sich quasi in der Ordnung, in der Korrektheit, sie macht sie so unnahbar. Die Ich-Erzählerin meint dieses Spiel zu durchschauen, vielleicht weil es allzu perfekt ist, vielleicht weil sie den Hochmut dahinter spürt.
«Sie umarmte mich und gab mir einen Kuss, wie sie auch ihr Pferd geküsst hätte. Ich betrat ihr Zimmer, und sie erzählte mir einen grossen Teil ihres Lebens, wie ein carnet de bal.»
La nouvelle, rothaarig. Was für ein Temperamentsausbruch im Appenzeller Einerlei!
«Und so war es, sie ist verschwunden. Ich kehrte ins Internat zurück und verbrachte die Zeit damit zu leiden, was auch ein Zeitvertreib ist.»
Frédérique verlässt nach dem Tod ihres Vaters das Institut Bausler. Die Ich-Erzählerin bleibt zurücl. – Typisch dieser nonchalante Nachsatz «was auch ein Zeitvertreib ist». Damit wird das Leiden gewissermassen eingeebnet. Aufreizender jugendlicher Gleichmut.
«Aber man stirbt, auch wenn man nicht existiert.»
Der Satz (der Ich-Erzählerin) ist auf Frédériques Vater gemünzt. Aber wir denken dabei auch an Frédérique: ist ihre Existenzverweigerung ein (zum Scheitern verurteilter) Versuch, dem Sterben auszuweichen?
«Die Lust der Enttäuschung.»
Frédérique schreibt nicht; aber auch daraus kann man Gewinn ziehen. «Die Traurigkeit ganz auskosten.» Eine Kunst des Negativen. Das Leben wartet weiter, es wird einem verweigert. Die Ich-Erzählerin macht sich das zu eigen, sie formt daraus eine Ästhetik.
«Wir wollen kein Glück, das hört man im Dorf.»
Die Aussenwelt des Instituts ist das Dorf Teufen, hier gnadenlos leblos gezeichnet, wie ein Spielzeugdorf mit Holzhäusern und starren, toten Figuren.
«Mir kam etwas Banales in den Sinn: Wir waren nicht erzogen worden, um so zu leben. Ich war voller Bewunderung.»
Wiedersehen mit Frédérique, in einer ärmlichen Absteige in Paris. Frédérique hat den Gehorsam und zugleich die Verweigerung, die sie im Institut eingeübt hatte, zu ihrem Lebensprinzip gemacht. – Die Mädchen waren nicht erzogen worden, um so zu leben, aber sie sie waren so erzogen worden. Und Frédérique hatte sich dafür entschieden, das Warteprinzip einfach ins Endlose auszudehnen.