Besprechung für Was wir wissen können
Mit „Was wir wissen können“ legt Ian McEwan einen verschachtelten und geschickt konstruierten Roman vor, der in der Zukunft und in der Gegenwart spielt.
Ein Literaturwissenschaftler aus den 2120er Jahren lehrt und forscht über die britische Literatur zwischen 1990 und 2030 und ist auf der Suche nach einem legendären, formal sehr anspruchsvollen Gedicht des berühmten Dichters Francis Blundy, das er seiner Frau anlässlich ihres Geburtstags im Jahre 2014 geschenkt hat, seitdem aber verschollen ist. Es ist in Fachkreisen allerdings ein rege diskutiertes Objekt der Begierde geblieben und hat zu vielen Spekulationen angeregt.
Der Literaturwissenschaftler berichtet in der ersten Person von seinem Forschungsprojekt, er erzählt aber auch von seinen Erfahrungen mit den wenig geschichtsinteressierten Studierenden und der Universitätslandschaft des 22. Jahrhunderts, hadert etwa über den immer geringeren Stellenwert der Geisteswissenschaften gegenüber den angewandten Naturwissenschaften, und eher nebenbei lässt er immer wieder Bemerkungen zu den aktuellen gesellschaftlichen und (geo-)politischen Verhältnissen einfliessen. Dadurch wird nach und nach klar, dass sich in der Welt einiges verändert hat – es ist von der grossen Disruption im 21. Jahrhundert die Rede, von begrenzten Nuklearschlägen, von einem gigantischen Tsunami, der dazu geführt hat, dass von Grossbritannien nur noch ein Archipel übrig ist und viele Landstriche dauerhaft überflutet sind. Reisen sind kompliziert geworden und mitunter gefährlich, der Handel und Austausch mit anderen Ländern der Welt ist nahezu vollständig zum Erliegen gekommen, einige Rohstoffe sind knapp geworden, es gibt kaum noch Satellitennavigation, weil die gesamte Infrastruktur in Folge von Verwerfungen nur mangelhaft erhalten ist und nicht weiterentwickelt wurde. Das wichtigste Grundnahrungsmittel ist der Proteinkuchen. Es gibt aber auch Fortschritte – im Wissenschaftsbetrieb etwa liegen massenhaft Informationen von vergangenen Zeiten vor, überwiegend in digitaler Form. So sind praktisch jede e-mail. jeder Chat-Verlauf und sämtliche Kameraaufnahmen, dank ausgefeilten Quantenalgorithmen unabhängig von ihrem Verschlüsselungsgrad, nahezu unbegrenzt verfügbar, sofern man die Freigabe dazu hat.
Der Erzähler wühlt sich somit durch Unmengen von Material, durchaus auch analoger Natur wie bei Tagebüchern oder archivierten Notizen – zum Dichter, seinem sagenumwobenen Gedicht und dem sogenannten Zweiten Unsterblichen Abendessen, bei dem das Gedicht – ein sogenannter Sonettenkranz – feierlich vom Dichter persönlich vorgetragen und seiner Gattin Vivian auf einer Pergamentrolle effektvoll überreicht wurde. Der Literaturwissenschaftler entwickelt geradezu eine Passion für die Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts, für das Umfeld des Dichters und insbesondere für Vivian, die ihrerseits im Literaturbetrieb eine bekannte Grösse war. Diese Passion nimmt Züge an, dass sich Fragen nach Wissenschaftlichkeit und Rigorosität in der Forschung stellen, auf die auch der Titel des Romans abhebt: Was können wir wissen? Wie verlässlich sind unsere Schlussfolgerungen auf Grund von Indizien, wie weit dürfen Interpretationen gehen, bis zu welchem Grad sind vermeintlich unbedeutende Ausschmückungen in historischen Abhandlungen legitim? Wie sehr sind unsere Erkenntnisse von Perspektiven geprägt?
Genau um eine solche, eine andere Perspektive, geht es im zweiten Teil des Romans: Hier kommt Vivian, mit der sich der Literaturwissenschaftler aus dem 22. Jahrhundert in einer Art Seelenverwandtschaft wähnt, in einem langen Schreiben an die Nachwelt zu Wort. Sie schreibt über bewegende Phasen in ihrem Leben, ihre Liaison mit dem grossen Dichter und brisanten Verwicklungen, die viele Dinge in einem neuen Licht erscheinen lassen und das komplexe Geschehen um eine kriminalistische Komponente bereichern.
Der Roman ist brillant und mit einer solchen Leichtigkeit erzählt, dass es für das Leseerlebnis gelegentlich fast nebensächlich scheint, was genau erzählt wird. Man muss die dystopischen Elemente nicht teilen und mag die eine oder andere Begebenheit für überzeichnet oder arg konstruiert halten – der raffinierte Plot, die feine Ironie, die klugen Betrachtungen über Wissen, Erkenntnis und Perspektivität, der illusionslose, aber gleichwohl wohlwollende Blick auf menschliche Abgründe – etwa Beziehungen ohne Fehltritte scheinen im McEwanschen Menschenbild die rare Ausnahme zu sein – lassen zu keinem Zeitpunkt daran zweifeln, dass hier einmal mehr ein Meister seines Fachs am Werke war.