Besprechung für Abschied
Im Nachlass von Sebastian Haffner wurde das handschriftlich verfasste Skript von „Abschied“ gefunden- knapp 70 Jahre, nachdem er es 1932 geschrieben hatte. Zur Veröffentlichung hat es weitere 25 Jahre bedurft. Der 1999 verstorbene Sebastian Haffner war vor allem als Journalist und Historiker bekannt, der einige hervorragend lesbare und hochinformative Bücher zur deutschen und europäischen Geschichte verfasst hat. Vor dem Zweiten Weltkrieg hat der in Berlin aufgewachsene gelernte Jurist, der 1938 aus Gewissensgründen in das Vereinigte Königreich ausgewandert ist, aber auch Romane geschrieben.
In „Abschied“ ist der angehende Jurist und an einem Amtsgericht in Berlin tätige Raimund Pretzel im Februar 1931 auf Urlaub in Paris, wo er seine Damenbekanntschaft Teddy besucht, die in Wien geboren wurde, in Berlin aufgewachsen ist und in Paris ihren Studien an der Sorbonne nachgeht. Er schildert in seinem persönlichen Bericht die letzten Tage, die er in der pulsierenden französischen Hauptstadt verbringt, bevor er am Sonntagabend um 10 Uhr wieder den Zug in Richtung Berlin besteigen muss. Der Abschied naht, und Raimund zählt die Stunden herunter, nicht, weil er ihn herbeisehnen würde, sondern weil er jede Minute auskosten will und sich nicht vorstellen mag, bald wieder seinen Alltagsgeschäften als Rechtsassessor in Berlin nachzugehen.
Der Protagonist beschreibt seine verbleibende Zeit in Paris ausführlich, es fallen wiederholt die Namen von Straßen, Plätzen, Quartieren, Cafés und Sehenswürdigkeiten, und er gewährt Einblick in seine wechselvolle Gedanken- und Gefühlswelt. Ihm ist sehr an Teddy gelegen, der er schon einige Monate zuvor in Berlin nähergekommen ist. Zugleich plagt ihn aber auch eine tiefsitzende Unsicherheit, weil ihm gewahr wird, wie wohl Teddy sich in Paris auch ohne ihn fühlt und wie gut sie Anschluss gefunden hat, während er selbst sich mit der französischen Sprache schwertut, ihm die Kultur wenig vertraut ist und er sich seine mitunter ungelenk-biedere deutsche Art anmerken lässt, obwohl er doch ganz gern auch den Mann von Welt geben würde. Zudem gibt es dort eine Reihe von jungen Herren – vor allem deutschen, aber auch einen britischen -, die das leichte Pariser Bohème-Leben genießen und ebenfalls um Teddys Gunst werben, was in Raimund immer wieder heftige Anwandlungen von Eifersucht auflodern lässt. Eins um andere Mal flieht er sich vorübergehend geradezu in eine Art von Fatalismus, in dem er sich neben den anderen gewaltig im Hintertreffen sieht, obwohl Teddy ihm trotz seiner Eifersüchteleien und gelegentlichen eingeschnappten Art erkennbar den Vorzug gibt.
Die Zeit der 1930er Jahre spiegelt sich im nach heutigen Maßstäben etwas steifen Umgang miteinander, die Herren Studenten siezen sich untereinander, Teddy sieht sich immer wieder mit paternalistischen Sprüchen konfrontiert, und auch die Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich wird wiederholt in einer nachgerade ironisch-süffisanten Art angerissen – wenn man sich heute vor Augen führt, was in Deutschland unmittelbar bevorstand und welche Verheerungen dies für ganz Europa, insbesondere natürlich auch für Frankreich nach sich zog, mag es einen kalt den Rücken hinunterlaufen.
Dass Sebastian Haffner sich erst mit seiner Emigration nach England diesen Namen zugelegt hat und vorher Raimund Pretzel hieß, lässt darauf schließen, dass der Roman weitreichende autobiografische Züge aufweist. Dies kann man als überraschend empfinden, weil der Ich-Erzähler in seinen persönlichen Schilderungen manchmal einen jugendlich-flatterhaften und nicht immer gleichermaßen souveränen Eindruck vermittelt – was den Roman aber auch besonders authentisch erscheinen lässt.
In jedem Fall ist der erst kürzlich veröffentlichte, bald 100 Jahre alte Roman ein interessantes Dokument der Zeit, in dem sich der brillante Denker und Publizist Sebastian Haffner von einer ganz anderen, sehr gefühlvollen Seite zeigt – was der Grund dafür gewesen sein mag, dass sich seine Tochter Sarah bis zu ihrem eigenen Tod gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen hat, die dann der verbliebene Sohn Oliver Pretzel schließlich in die Wege geleitet hat.