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Besprechung für Königin der Nacht

Berthold H. Keine Kommentare Kommentar hinzufügen
Besprechung:

Ein Schriftsteller reist aus Zürich in die Dominikanische Republik nach Santo Domingo, weil seine seit Jahren dort lebende Mutter verstorben ist. Auf ihrem Nachttisch findet er einen aktuellen Kontoauszug, der einen Saldo von sechzig Franken ausweist.

Er hatte vor Jahren zum letzten Mal Kontakt mit seiner Mutter, und er macht sich deswegen keine Vorwürfe. Doch die sechzig Franken empfindet er als eine Provokation, als würde „ihm die Wirklichkeit ins Gesicht spucken“. Eine Nacht im Hotel, das er sich auf der Insel genommen hat, kostet etwa das 50-fache dessen, was seine Mutter pro Tag zur Verfügung hatte. Hätte er, der „erfolgreiche, für seine Brillanz bewunderte Schriftsteller“, der „zehntausend Bücher gelesen hat“, nicht helfen können, helfen müssen? Trotz allem?

Im zweiten Teil erfährt die Leserschaft von der Kindheit und Jugend des Schriftstellers, die er, bevor er im Alter von fünfzehn Jahren ganz auf sich allein gestellt war, an der Seite seiner Mutter verbracht hat. Die sich allerdings nicht um ihn gekümmert hat. Sie war arm, geschieden, verfügte über keinen Schulabschluss, ging tagsüber einfachen Tätigkeiten nach, etwa als Autowäscherin in einer Werkstatt. Am Abend allerdings wurde sie zur „Königin der Nacht“: sie, dunkler Typ, rassig, schlank, brezelte sich auf und machte in entsprechenden Etablissements zwielichtigen Männern schöne Augen. Er, der Sohn, ein lästiges Anhängsel, musste sich wieder und wieder ihre unflätigen Beschimpfungen anhören, wurde früh von der Schule genommen und ins Welschland auf einen Hof geschickt, wo er für einen Hungerlohn, von dem die Mutter den Löwenanteil für sich vereinnahmte, von morgens bis abends hart schuftete, um vom Meister tagein, tagaus gespiegelt zu bekommen, wie dumm er eigentlich sei. Als er wieder nach Hause kommt, ist die Mutter bereits ausgezogen, die meisten Möbel und Habseligkeiten hat sie mitgenommen.

Ihm ist klar, dass er, der schon längere Zeit keine Schule mehr besucht hat, eigentlich keine Chance hat, dennoch versucht er sich an den Prüfungen zum Lehrerseminar, und siehe da, er besteht sie, er ergattert sogar ein Stipendium. Doch dies greift seine Mutter ab, er schmeißt seine Ausbildung, wird obdachlos, schlägt sich über Jahre auf der Straße durch.

Der abschließende dritte Teil ist aus der Ersten-Person-Perspektive geschrieben. In ihm reflektiert der bereits etablierte Schriftsteller, von dem von Anfang an klar war, dass es sich um den Autor selbst handelt, darüber, wie es zu alldem kommen konnte. Er führt verschiedene sozialpsychologische Modelle an und arbeitet sich an den Archetypen von Carl Gustav Jung ab, gemäß derer er, dem jegliche Mutterbindung seit jeher fremd ist, eigentlich nicht zu dem hätte werden können, der er heute ist. Er beklagt, dass die soziale Komponente, insbesondere im Hinblick auf junge, alleinerziehende Mütter, schon immer notorisch unterbelichtet gewesen ist, und er beantwortet die Frage, wie man zum reichsten Land der Welt wird, so: mit Fleiß, schmutzigen Geschäften und Krieg gegen die Armen. Er zeichnet anhand von einigen Beispielen die Geschichte der Fahrenden in der Schweiz nach, von denen seine Mutter väterlicherseits abstammte: Sie ist gekennzeichnet durch Diskriminierung, Folter und Marginalisierung.  Und er spricht in diesem Zusammenhang ein weiteres düsteres Kapitel an, das der Eugenik, mit der man die Gesellschaft von unwerten Elementen befreien wollte. Einer ihrer Vertreter, der noch bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts als großer Sozialreformer gefeierte Auguste Forel, zierte mit seinem Konterfei den Tausendfrankenschein.

Der persönliche Bericht von Lukas Bärfuss gewährt einen tiefen Einblick in die Lebensgeschichte seiner frühen Jahre. Er hat allerdings in hohem Maße etwas von einer Inszenierung, in der der Autor die Geschichte seiner Mutter und seine eigene in nicht gerade bescheidener Manier zu Markte trägt, um sie schließlich in eine überdeutliche gesellschaftspolitische Botschaft zu wenden, deren Kernelement darin besteht: Das System ist schuld, und das System ist in erster Linie ein Produkt der Mächtigen und Reichen. Ungeachtet der Fakten, die Bärfuss ausgegraben hat und die an eine Reihe von dunklen Kapiteln erinnern, liegt der Verdacht nicht fern, dass man es hier mit allzu simplizistischen und sicher nicht ganz ideologiefreien Auslassungen zu tun hat.

Bei alldem muss man anerkennen, dass das Buch, wie man es von Bärfuss kennt, souverän geschrieben ist und sprachlich elaboriert wirkt (auch wenn die wiederholt vorkommende dialektale Form „er ist gesessen“ etwas irritiert).

Literarische Sprache allein ist allerdings noch kein Garant für gute Literatur.

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