Das Buch der Vögel
Fügen Sie Ihre Bewertungen hinzu
Moritz Th.
«Zu Nisten heisst Vertrauen.»
Ist «Vertrauen» nicht schon eine zu aktive, anthropomorphe Beschreibung?
Nest
Was für ein Einstieg! Dicht gewobene Prosa, die den Zauber des Nestbaus evoziert, gelegentlich beinah in Heideggerscher Diktion – «Nest ist Geschick».
«Dunkelheit so hart wie Eisen»
Im poetischen Furor entgleist schon einmal die eine oder andere Metapher (wie heisst das wohl im Original?). Die Pfuhlschnepfe allein unterwegs über dem Meer, «Langstreckenchampion», «Ultrapilotin».
Gimpel
Nach allerlei Limikolen und Wasservögeln jetzt unvermittelt der Gimpel, früher auch in der Nordwestschweiz oft gesehener Gast an winterlichen Futterhäuschen, heute in unseren Breiten selten geworden. Was für eine Pracht im kahlen Geäst, in der Schneelandschaft, die Aquarellbilder zeigen aber auch eindrücklich die gedrungen-kräftige Gestalt. –
Wachtelkönig
Ein vergleichsweise unspektakulärer, scheuer Vogel, dem wir in der Schweiz mit der intensiven Landwirtschaft fast vollständig den Garaus gemacht haben. Heute geht man noch von 10 Brutpaaren pro Jahr aus, meist in höheren Lagen. – Kein Wunder also, dass der Ornithologe Peter Berthold, der in der Bodensee-Region sich für Renaturierung und Biotope engagiert, «senkrecht im Bett steht», wenn er alle Jubeljahre einmal nachts den – nicht grad melodiösen – Ruf des Wachtelkönigs hört (s. den sehenswerten SRF-Beitrag hier: https://www.srf.ch/streaming-tipp-voegel-lernen-mithilfe-von-flugzeugen-zu-fliegen )
«Was für eine kurios anmutende Kreatur du bist, Kuckuck.»
Treffende Beschreibung dieses merkwürdigen, linkisch anmutenden Vogels, scheinbar aus Versatzstücken zusammengesetzt.
«Aber Gott stehe jedem Menschen bei, der dein Revier in der Brutzeit durchqueren will.»
Skuas, «hart wie Hölle und gemein wie Krieg».
«Der Frühling ist Milliarden Vögel stiller als vor einem Jahrhundert (…)»
Das müsste sich im Vergleich zu heute auch an einem einzelnen Ort am Waldrand und an einem spezifischen Frühlingsabend bemerkbar machen, wenn man eine Zeitreise machen könnte, sagen wir ins Jahr 1893. Aber wir ermessen diese Verluste nicht, wir erleiden sie unmerklich.
Knutt
Das ist jetzt doch sehr verknappt, für einen Vogel, den man hauptsächlich in den Küstenregionen (zB im Wattenmeer) antrifft. Gern hätte man mehr zum Knutt erfahren, als bloss, dass er in grossen Verbänden (von bis zu 200’000 Individuen) auftritt. Auch wenn diese Erscheinen im Schwarm einmal mehr grandios beschrieben ist.
«Ziegenmelker ist ein hexenhafter Mischpokevogel, geflickt aus Fetzen und Fitzeln anderer Tiere und Stoffe.»
Noch so ein Versatzstückvogel, findet der Autor, wie der Kuckuck. Eher hässlich, Vogel der Nacht, auch Nachtschwalbe genannt, und in der Schweiz extrem selten geworden, vielleicht noch 50 Brutpaare pro Jahr im Wallis, im Südtessin, Graubünden. Fast zum Phantom geworden.
Feder
Das fünfte der sieben Wunder. Und der Autor schafft es auch hier auf knappem Raum, dass wir die Federn neu entdecken, das Wunderbare an ihnen.
«Die nächtliche Wanderung der Rotdrosseln im Winter vollzieht sich ungehört über Städten und Dörfern. Dutzende Vögel fliegen gemeinsam im Dunkeln, rufen sich zu, halten Kontakt, während sie Schornsteine und Parkplätze passieren, Schlaflose wie Schlafende.»
Schönes, überraschendes Bild, Trupp Rotdrosseln auf Nachtwanderung.
«Du liebst das Rampenlicht, Lerche, die leere Bühne von Feld oder Hügel, die unbeschriebene Seite von Wiese und Heide. Du bist eine geborene Preformerin, eine Levitationskünstlerin mit Vorliebe fürs Melodramatische: der senkrechte Start, der Divengesang, laut von den dreihundert Meter hohen Cremepompons einer Cumuluswolke geworfen.»
Da wird auch die Beschreibung selbst ein wenig dramatisch, bei diesem kleinen, unscheinbaren Vogel, der aber sowohl mit Flug- wie auch Gesangskünsten in den Bann schlagen kann. Der Autor erinnert aber auch daran, wie grausam wir Menschen mit diesem Geschöpf verfahren sind in der Vergangenheit, man schämt sich der eigenen Spezies, wenn man liest, dass man dem Vogel die Augen ausgestochen hat, im Glauben, ihm damit noch schöneren Gesang abpressen zu können.
«Singdrossel hat ein DJ-Gedächtnis für Melodien, und ihr Repertoire wächst mit dem Alter, ein ausgewachsener Vogel kann über hundert Lieder memorieren (…)»
Darunter Selbstkomponiertes, aber auch von anderen Vögeln oder weiteren Quellen (bis hin zu Krankenwagen) Übernommenes. – Geschickt öffnet der Autor den Tiefenraum der Geschichte, wenn er spekuliert, dass Singdrosseln in der Vergangenheit auch Marschlieder von römischen Legionären kopiert haben könnten.
Star
Was für eine Feier dieses Vogels, der nur von weitem unscheinbar-schwarz ist, und des Abertausende umfassenden Schwarms, den man dank der intensiven Beschreibung mit allen Sinnen wahrzunehmen meint.
«Goldschmiedin der Hecken, Goldammer schmiedet Sonnenlicht zu Münzen und Ketten aus dem Edelmetall, auf dem Amboss aus Weissdornblatt, Spindelbeere und Schlehenblüte. Goldammer verwandelt Fussweg zu Schatztruhe, Feldweg zu Wunderkammer.»
und so weiter, bis hin zum «24-Karat-Spatz». Auch in der Region Basel verwandelt die Goldammer gelegentlich einen Feldweg in eine Wunderkammer, vielleicht an einem Maiabend in der Reinacher Heide.