Hotel Roma
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«In den öden Tagen meines Eingesperrtseins in Dieppe dachte ich nach. Was war in diesen neun einsamen und verlassenen Tagen im Turiner Sommer geschehen?»
Neun Tage vergingen nach Paveses Ankündigung des Suizids im Tagebuch bis zu seinem Vollzug. Im Hochsommer, in einem weitgehend verlassenen Turin, viele Einheimische waren ans Meer oder in die Berge verreist. – Geschickt öffnet der Autor den Raum für seine Nachforschungen, und bringt gleich noch die von Corona geprägte Gegenwartsebene ins Spiel.
«Pavese verliess die Stadt, als dürfte er der Welt eine Zeitlang entfliehen, um in den Mutterbauch zurückzukehren. Der Hügel war eine weibliche Form, eine tröstende Brust, die absolute Rückkehr in die Kindheit.»
Metaphysik der Hügel. Der Ich-Erzähler und seine Partnerin suchen in den Hügeln oberhalb Turins das Restaurant «Ultima Spiagga» auf, das schon Pavese frequentierte. Preise und Atmosphäre wie aus dem letzten Jahrhundert, eine Zeitreise, eine Regression.
«Ich hatte gedacht, er sei Turins Stolz (…), aber nicht einmal in der Buchhandlung, in der er verkehrt hatte, ehrte man sein Andenken noch.»
Enttäuschte Annahmen eines Enthusiasten, der Ich-Erzähler als Fan. Immerhin finden sich noch drei Bücher Paveses in der Buchhandlung.
Die Strasse zum Meer
Merkwürdiger Hybrid, dieses Kapitel, dieses Buch: zunächst ein subtiler Essay zum Werk Pavese, dem überraschenderweise der Radrennfahrer Marco Pantani zur Seite gestellt wird, in seinem Leiden, in seiner Einsamkeit. Pierre Adrian ist auch Sportjournalist. Dann eine Reise ans Meer mit „dem Mädchen mit der dunklen Haut“, nach-saisonale Tristesse, atmosphärisch dicht, auch auf imaginären Spuren Paveses.
Heute, nichts
Cesare Pavese hatte 1935 für eine Freundin, die kommunistische Aktivistin Tina, Briefe entgegengenommen; dafür wurde er von den faschistischen Behörden verhaftet und ins Exil nach Kalabrien geschickt. Der Ich-Erzähler reist ihm nach vielen Jahrzehnten nach; er kann das Zimmer, das Pavese damals bewohnt hatte, besuchen. Ein allerdings etwas kahler Platz ist nach Pavese benannt. Die Einheimischen scheinen Pavese damals wohlwollend behandelt zu haben, aber das hat an der düsteren Grundstimmung des Schriftstellers wenig zu ändern vermocht. Im kalabrischen Exil begann Pavese mit das «Handwerk des Lebens», das für den Ich-Erzähler sehr wichtig ist. – Lakonische Beschreibung des Südens.
Niederschmetternd das Ende des Exils und die Rückkehr nach Turin. Pavese hatte gehofft, dass ihn Tina in dankbaren und liebevollen Empfang nehmen würde. Stattdessen erfährt er von ihrer Hochzeit. Er fällt in Ohnmacht.
«Ich machte es mir zu eigen, bis ich beinahe dachte, ich hätte es mit ihm geschrieben.»
Der Ich-Erzähler identifiziert sich mit dem «Handwerk des Lebens», er besucht den Ort in Kalabrien, wo der exilierte Pavese sein grosses Tagebuch-Projekt startete.
«Der schöne Sommer beeindruckte sie mit den feinsinnigen, klischeefreien Porträts und der luziden Beschreibung der Beziehungen zwischen den Frauen … Sie gelangte zu der Erkenntnis, dass sich Pavese zwar von den Frauen unverstanden fühlte, sie letztlich aber nur zu gut verstand.»
Das Mädchen mit der dunklen Haut über Pavese und die Frauen.
«Pavese hatte den Widerspruch zwischen seinem hartnäckigen Willen zu einer unauffälligen Existenz und der Gewissheit des mutigen finalen Akts gesehen.»
Dilemma des Selbstmörders.
«Nicht in der Lage, ein Ei zu kochen oder ein Hemd zu bügeln, stieg Pavese im Roma ab (…). Diese Unselbständigkeit hielt ihn vielleicht in der Kindheit fest. Deren verwundertes Staunen hatte er verloren, um nur die Abhängigkeit zu behalten.»
Als letzte Etappe das Leben im Hotel am Bahnhof, im Transit.
«Die Rezeptionistin vom Hotel Roma berichtete, dass der Gast von Zimmer 49 den ganzen Tag versucht habe, telefonisch Leute zu erreichen, ohne Erfolg.»
Zum Suizid entschlossen, aber dennoch auf der Suche nach Kontakt. Der Ich Erzähler berichtet von «einem Abenteuer mit einer jungen Frau», das aber keine Fortsetzung fand.
«Pavese und Ferrarotti betrachteten sich als Bauern, die sich in die Grossstadt verirrt hatten.»
Interessanter Aspekt, den der Ich-Erzähler hier nach dem Besuch eines noch lebenden Zeitgenossen Paveses ins Spiel bringt, des 97-jährigen Ferrarotti, vor vielen Jahrzehnten mit Pavese befreundet.